Kollektive Unterwerfung unter einen Kult

Ein Bekannter berichtet, dass heute vier Beamte in Marburg im Bus die Impfnachweise kontrollieren.

Unfassbar – die Welle lässt grüßen. Wieder ist es soweit. Es ist erschreckend, wie schnell sich große Teile der Gesellschaft kollektiv der Autorität eines Kults unterwerfen.

Wer es jetzt noch nicht gemerkt hat, der hat wirklich wohl eher kein intellektuelles, sondern ein schweres psychisches Problem, welches verursacht, dass selbst offensichtliche und unzweideutige selbsterlebte Realität verdrängt, abgewehrt oder nur vollkommen verzerrt kognitiv repräsentiert wird. Es braucht sich über diese klare aber sachliche Benennung, die meiner Meinung nach existenziell wichtig ist, auch gar kein „achtsamer“ Leser zu echauffieren.
Gerade in Zeiten, in denen von richtiger oder falscher Wahrnehmung und entsprechenden Entscheidungen dramatische Konsequenzen abhängen, ist unsere adäquate und ethische gemeinsame Handlungsfähigkeit maßgeblich auf die Bereitschaft angewiesen, mögliche Wahrheiten schonungslos zu benennen. Keinesfalls dürfen wir daher der verheerenden zeitgeistlichen Sentimentalität den Vorzug vor dieser Benennung geben!

Ich möchte also gar nicht weiter begründen und ausführen, wieso der oben genannte Vorfall kultistisch und ethisch absolut skandalös ist, sondern mich mit dem Phänomen selbst befassen. Alle, die keinen völlig neurotisch und paranoid kognitiv verzerrten Blick auf die Realität haben – die noch Zugriff auf die ‚Alte Normalität‘ haben -, nehmen unmittelbar wahr, was für ein kranker Vorgang sich in diesem Moment in der, von der Mehrheitsgesellschaft empfundenen ‚Neuen Normalität‘ gerade abspielt und brauchen es sich nicht mehr gegenseitig zu erklären. Wie weit soll es denn noch kommen?
Da kontrolliert jetzt die Staatsmacht, die die systemische und systematische Diskriminierung einer ausgegrenzten, abgewerteten und kriminell entrechteten Menschengruppe umsetzt, in unserer Öffentlichkeit Menschen erster und zweiter Klasse. Krank.
Wird es Zeit, abzuhauen, wenn man den letzten Zug nicht verpassen will?

Verdrehte Welt

Und die „Antifaschisten“ applaudieren – es ist wirklich alles so grotesk verdreht. Wird diese Gesellschaft wirklich untergehen im dekadenten Wahnsinn? Ohne jede Not lassen wir zu, dass man uns als formal extrem wohlhabende westliche Industrienation dazu bringt, uns selbst – ohne jeden Grund, aus purer kollektiver Wahnhaftigkeit – alles radikal zu zerstören und uns in einem „totalen moralischen Kollaps der Gesellschaft“ (Hannah Arendt) zivilisatorisch in finsterste Zeiten zurück zu entwickeln.
Zur Freude und noch weiteren Bereicherung des üblichen strukturellen Gier – und Herrschaftssystems.
Wirklich einfach irre, was wir da im jungen 21. Jh. gerade miterleben.

Als Gesellschaft massenhaft den Verstand verlieren – wie kann das sein?

Erich Fromm beschreibt in Bezug auf den Hitler-Faschismus, wie ein Kollektiv, eine ganze Gesellschaft massenhaft den Verstand („folly à million„, 47:50m – 50:00m) verliert und dem Wahnsinn verfällt. „Es gibt Hypnose. Also in der Hypnose (…) verliert der Mensch alle Reaktion auf die Realität und die Stimme des Hypnotiseurs ist die einzige Realität, die er wahrnimmt (…).“ (55:43m ff.) In dieser Hypnose „wird sein Wort zum Ersatz für die Realität (57:12m ff.), es wird zur „neuen Realität“ der Masse. „Der Hypnotiseurs vertritt die Realität. Wir reagieren dann nicht mehr auf die sinnliche Realität, so wie das der Organismus normalerweise tut, sondern die Stimme des Hypnotiseurs wird zum Vertreter der Realität und wir reagieren auf seine Stimme, auf das was er sagt. So wie der normale Mensch reagiert auf das, was er sieht und fühlt und hört, mit seinen Sinnen.“

‚Neue Normalität‘ – kollektiver Realitätsverlust im hypnotisierten Zustand

Diese neue Realität ist wahnhaft und völlig an der fundamentalen, faktischen Realität der Welt vorbei. Sie bringt das Kollektiv in der Massenpsychologie dazu, dass Menschen sich selbst und ihren Mitmenschen die irresten und unmenschlichsten Dinge zufügen, von denen sie später selbst schockiert sein mögen, die sie sich selbst oftmals später auch nicht einmal zuordnen (da steht dann die ganze Palette an Standardausreden bereit). In dieser Verfassung können Menschen ein bestialisches Verhalten gegen ihre Mitmenschen entwickeln, sogar ohne in dem Moment das Gefühl haben zu können, etwas Schlimmes oder Falsches zu tun (z.B. weil man als „Rädchen im Getriebe“ (H. Arendt) nur ‚macht, was alle machen‘, ‚keine andere Wahl hat‘ usw. usf.), weil psychisch gestörte Mechanismen die Wahrheit – die man eigentlich selbst kennt – abwehren, verdrängen und unterdrücken durch Rationalisierungen und Relativieren. So entsteht eine verzerrte, falsche subjektive Wahrnehmung von dem, was man eigentlich tatsächlich gerade tut. Dieses massiv verwirrte – und dadurch zu unmenschlichem, unethischem Verhalten verleitete – Kollektiv kann dann eine ’neue Ordnung‘ schaffen, in der das bestialische Verhalten sowohl im Einklang mit den ethisch kollabierten ’neuen Normen‘ sowie neuen Gesetzen steht, sodass die tragischen Täter ihr unmenschliches Verhalten als objektiv ’normal‘ empfinden können – und es nicht (mehr) als bestialisch wahrzunehmen brauchen („Banalität des Bösen“, H. Arendt).
Obwohl man es selbst mindestens unbewusst IMMER besser weiß, aber dazu in diesem Zustand keinen Zugang mehr finden kann.

Der „Instinkt für echt und unecht, Wahrheit und Lüge“ kommt nicht mehr zu Gehör

Die „Spaltung zwischen Herz und Hirn“ nennt Fromm eine „chronisch schizophrene Erkrankung der Gesamtbevölkerung“ (41:16m f.). Durch sie kann der „Instinkt für das, was echt und unecht, Wahrheit und Lüge ist“ (51:10m f.) nicht mehr zu Gehör kommen, über den eigentlich jeder Mensch verfügt, wenn er wahrhaftig zu sich selbst sein kann.
Es geht dabei um nichts anderes, als sich sein Innenleben in einem reflektierenden Prozess der Innenschau so transparent wie möglich zu machen und dabei schonungslos einzugestehen und anzunehmen, was man dort findet.
Zum Beispiel, dass man eigentlich genau von sich weiß, dass man die Gesichtswindel im Supermarkt überhaupt nicht trägt, weil man es sinnvoll findet oder gar Angst vor irgendetwas hat (schließlich wird man gleich seine Familie und seine Freunde umarmen, denn eigentlich ist einem der ganze Hokus-Pokus vollkommen egal, und man will doch nur normal leben können); man trägt sie schlicht und ergreifend deshalb, weil man konform sein will und Unwohlsein dabei verspürt, aus dem starken Gruppenzwang herauszustechen, oder Angst vor Konflikt, Sanktionen und Repressionen hat. Eigentlich ist einem auch vollkommen bewusst, dass das vor einem selbst keine rechtfertigbaren Gründe sind, mitzumachen, aber man verspricht sich von der Strategie, sich zu unterwerfen und anzupassen, am unbehelligtsten weiterleben zu dürfen. Womöglich ahnt man sogar eigentlich auf irgendeiner Ebene bereits, dass das rein logisch nicht funktionieren kann, und man sich eigentlich selbst mehr zumuten müsste und mehr von sich erwarten sollte.
Aber das kann der Geist dann – Gottseidank – ganz schnell in aggressive Projektionen auf andere Menschen kanalisieren. Gerne auf solche, die einem den Spiegel vorhalten, weil sie es selbst anders machen.

Erich Fromm – Gespräch mit Heiner Gautschy (1979)

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